Spiegel der Schönheit - Geistige und
theologische Grundlinien des Münsters


... und seiner restaurierten Orgel



Foto: Matthias Heid

Das Prämonstratenser Reichsstift Obermarchtal gehört zu den bedeutendsten barocken
Klosteranlagen Süddeutschlands.

Durch ihre Harmonie und Schönheit beeindruckt sie schon rein äußerlich den Besucher.

Versucht man jedoch noch etwas tiefer in das theologische Konzept und den Geist der
Architekten und Baumeister einzudringen, entdeckt man in der gesamten Klosteranlage,
angefangen vom Grundriss bis zu den Doppeltürmen des Münsters und den Fresken im
Spiegelsaal, eine tiefe Symbolik, deren Botschaft die Jahrhunderte überdauert und auch
uns herausfordert.

Im Mittelpunkt der Klosteranlage steht die berühmte Stiftskirche, die 2001 anlässlich ihres
dreihundertjährigen Weihejubiläums zum Münster erhoben wurde.

Zum Münster gehört eine der bedeutendsten Orgeln des weithin bekannten und hoch
geschätzten Orgelbauers Johann Nepomuk Holzhey.

Die Orgel wurde 1780, am Ende einer großen Epoche, fertiggestellt.
Ohne die Musik, welche die Orgel in ihrer ganzen Weite repräsentiert, wäre das
Marchtaler Gesamtkonzept unvollendet geblieben.


In seiner wissenschaftlichen Abhandlung über den oberschwäbischen Orgelbauer Johann
Nepomuk Holzhey erwähnt Ulrich Höflacher die Tagebuchnotiz des Galler Bibliothekars
Johann Nepomuk Hautinger, der 1784 Holzhey in Obermarchtal getroffen hatte.
Wenige Jahre nach der großen Orgel auf der Empore wurde nun auch die Chororgel,
vorne im Chorraum, fertiggestellt.
Hautinger schreibt: "Die zwei Orgeln, die große besonders, welche Holzhey oben aufsetzt,
sind unvergleichlich schön, und die Zungen und die Flötenwerke darin mögen wohl
ihresgleichen suchen." [1]
Die erfolgte Renovierung dieser einmaligen Holzhey-Orgel, "die insbesondere durch
die Maßnahmen der Jahre 1958/62 in ihrer Aussage empfindlich beeinträchtigt wurde"
(Walter Hirt), ist im Zusammenhang mit der "Botschaft" des Münsters und der gesamten
Klosteranlage zu sehen. Wenn der Orgel soweit wie möglich ihre ursprüngliche
Klanggestalt und ihr musikalischer Farbenreichtum zurückgegeben werden soll, geschieht
dies mit der Absicht, sie wieder in Einklang mit den geistigen und theologischen
Grundlinien der Marchtaler Stiftskirche
und der gesamten Klosteranlage zu bringen.

Dazu einige Hinweise:



Foto: Matthias Heid

Die Grundsteinlegung der Marchtaler Stiftskirche "Peter und Paul" im Jahre 1686 fällt
in eine Zeit großer Umbrüche und Verwerfungen. Aus einer Fülle von Aspekten dieser
bewegten Zeit seien zwei genannt: die Glaubensspaltung und die Aufklärung.


Mit beiden Strömungen setzt sich auch das theologische und künstlerische Konzept der
Marchtaler Stiftskirche auseinander.
Die erste tritt offen zu Tage und durchzieht wie ein roter Faden die Kirche; die zweite
manifestiert sich indirekt im Gegenentwurf zur Aufklärung in der "kosmischen Liturgie".

Durch die Friedensunfähigkeit der Christen, die im Grauen des 30jährigen Krieges ihren
Tiefpunkt erreichte, zerriss endgültig das gemeinsame Band des Glaubens, das die Völker
Europas umspannte.
In der Auseinandersetzung mit der Reformation ging es den Prämonstratensern um
den sakramentalen Charakter der Eucharistie
, wobei der Triumph ihres Ordensgründers
Norbert von Xanten über seinen Gegner Tanchelin, der die Sakramente verwarf, zum
leuchtenden Vorbild wurde.

Die Konzeption der Stiftskirche als "Wandpfeilerkirche" schuf nicht nur einen Festsaal
Gottes, der im Unterschied zur friedlosen Welt die Schönheit des Himmels erahnen lassen
sollte, sondern ebenfalls eine Reihe von Nischen für Nebenaltäre zur Feier der Eucharistie,
die vor allem Märtyrern gewidmet sind.
In einer religiös irritierten Zeit wurden sie als Vorbilder im Glauben verehrt, die am
wahren Glauben bis in den gewaltsamen Tod festgehalten hatten.


Eine bei weitem größere und fundamentalere Herausforderung erwuchs den Klöstern und
der Kirche durch die Geburt des neuzeitlichen Welt- und Menschenbildes, das mit seinem
emanzipatorischen Grundwillen zur Freiheit die europäische Geisteswelt und
Gesellschaftsordnung nachhaltig veränderte.
Seit der kopernikanischen Wende trat immer mehr das selbstbewusste, auf Autonomie
bedachte menschliche Subjekt
in den Vordergrund, das der Natur gegenübertrat und sie
mit Hilfe der Naturwissenschaften zu unterwerfen suchte.

Die Schöpfung verlor in dieser Subjekt - Objekt - Konstellation ihren Glanz als Spiegel
der Weisheit und Schönheit Gottes.
Geistesgeschichtlich kommt es zu einem "Paradigmenwechsel":
Die Welt wird nicht mehr von Gott her verstanden, sondern aus sich selbst erklärt.







Foto: Matthias Heid




Dieses neue Selbstbewusstsein tritt mit dem Anspruch der "Aufklärung" auf, das die
Gegnerschaft der Klöster hervorrief.
Die "ratio", d. h. das "Licht der Vernunft", tritt zur Offenbarung in Konkurrenz.
Abt Friedrich von Walter, der letzte Abt des Prämonstratenser Klosters Obermarchtal,
schreibt in seiner Geschichte des Klosters: "Seit langer Zeit war geistlichen Stiftern von
Freimaurern, Illuminaten und sogenannten Philosophen der Krieg erklärt" [2].

Diese Sicht ist bei weitem nicht der einzige Aspekt der Aufklärung. Sie entwickelte ein
einzigartiges Bewusstsein für die Würde des Menschen und ihrer Schutzbedürftigkeit im
Recht. Wahrgenommen wurde damals jedoch nicht dieser "ethische Humanismus", sondern
hauptsächlich die existentielle Bedrohung.


Zum Verständnis dieser Epoche sei noch auf ein Phänomen hingewiesen, das bis in die
Gegenwart reicht: Um den Eigengesetzlichkeiten der Wirklichkeit gerecht zu werden,
kam es zunehmend im Namen von Freiheit und Autonomie zur Ausdifferenzierung und
Verselbständigung der Lebensbereiche: z. B. die Trennung von Kirche und Staat,
Glaube und Vernunft, Individuum und Gesellschaft, Familie und Ökonomie etc.


Heute geht man weit darüber hinaus. Der Pluralismus der Moderne scheint alle Grenzen zu
sprengen. Er ist nach Papst Benedikt XVI. "das tiefste Problem unserer Zeit". Alles scheint
gleich gültig zu sein, wodurch die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

Als 1686 der Grundstein der Stiftskirche gelegt wurde, stand die Aufklärung schon im Horizont.
Warum hat man trotzdem an dem Bauvorhaben festgehalten?
Im Bau der Kirche und der Klosteranlage konzentrierte man alle Kraft, um in den
Wirren und Verwirrungen der Zeit die alles umfassende Botschaft des Glaubens in
voller Schönheit darzustellen.


Der sakrale Baustil des Barock vermittelt eine universale Glaubens-, Welt- und
Menschensicht, die in Stein, Stuck, Malerei und Licht zum Ausdruck kommt.
Sie will dem Menschen Orientierung und Hoffnung geben.

Die Marchtaler Stiftskirche ist ein Kosmos in sich, der ganz auf die Feier der Liturgie
ausgerichtet ist. Eucharistie heißt Danksagung. Um Dank zu sagen, werden die ganze
Schöpfung, das persönliche Geschenk des Lebens, vor allem aber die Berufung des
Menschen zur vollen Lebensgemeinschaft mit Gott einbezogen.



Nicht die Aufklärung, sondern Gott selbst ist das wahre Licht, das symbolisch den
Kirchenraum durchflutet.
Der Raum kennt nur eine Farbe: das Weiß, das zum Träger des
Lichtes wird. Im Licht der Offenbarung erscheint die sichtbare und unsichtbare Schöpfung,
die in der Stiftskirche durch den Stuck mit einer Vielzahl von Arkantusranken, Frucht- und
Lorbeerkränzen, Menschen und Engelsköpfen repräsentiert wird. Himmel und Erde
vereinigen sich zum Dank. Man fühlt sich an den großen Theologen Maximus Confessor
erinnert, der im 7. Jahrhundert schrieb: "In der Tat: die ganze geistige Welt erscheint
geheimnisvoll in bedeutenden Sinngestalten durch die ganze sinnliche Welt ausgedrückt
für die, denen es gegeben ist, zu sehen; und die ganze sinnliche Welt wohnt der ganzen
geistigen ein ... ." [3]

Im Chor erscheint ein Fruchtkranz mit dem Monogramm IHS: Jesus Hominum Salvator
(Jesus, Retter der Menschen). Diese Symbolik entspricht der Aussage des
Johannesevangelium: "Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wandelt nicht
im Finstern, sondern wird das Licht des Lebens haben" (Joh 8,12).



In dieser "kosmischen Liturgie" kommt der Orgel eine nicht zu überschätzende
Bedeutung zu. Was wäre eine stumme Welt - ohne Ton, Klang und Musik?

Sie wäre eine tote Welt, ohne Kommunikation und Sprache, ohne den Gesang der Vögel
und die Laute von Wind und Meer. Die Orgel ist die "Königin der Instrumente".
Kein anderes Instrument verfügt über einen solchen Tonumfang und eine solche Klangvielfalt.


Foto: Matthias Heid

In der "kosmischen Liturgie" holt die Orgel die Klangfarben und die Musik der
Schöpfung in den lichtdurchfluteten liturgischen Raum und gibt der Feier
der Liturgie in der Harmonie und Transzendenz des Raumes einen
erhebenden Ausdruck, der den Himmel ersehnt.


In der Zusammenfassung seiner Untersuchungen zum Werk von Johann Nepomuk
Holzhey
schreibt Ulrich Höflacher: "Der Meister galt zu Lebzeiten als 'berühmtester
Orgelmacher' in
Schwaben und zählt zu den Großmeistern im 18. Jahrhundert in
Süddeutschland. Seine Bedeutung liegt vor allem in der Ausbildung eines
ausgeprägten Personalstils, der süddeutsche und französische Orgelbautradition in
individueller Weise verband und so Instrumente entstehen ließ, die in ihrer
klanglichen Vielgestaltigkeit zu jener Zeit in Süddeutschland einmalig waren". [4]

Für die erfolgte Restaurierung ist dies eine weitere Empfehlung, welche auch die
Bedeutung der Orgel im Gesamt der Kirche unterstreicht.

Erst die Rückführung der Marchtaler Orgel in ihre ursprüngliche Klanggestalt gibt ihr
ihren Ort im Ganzen der Komposition des Kirchenraumes und seiner Botschaft zurück.


Die Epoche des Barock gehört der Vergangenheit an. Ihr Bemühen um Orientierung und
Ganzheit überdauert die Zeit und ist ein Vorbild und eine Herausforderung für heute.


gez.
Heinrich Böckerstette
Gammertingen, 28.05.2006
[1] Zitiert nach: Ulrich Höflacher: Johann Nepomuk Holzhey. Ein
oberschwäbischer Orgelbauer, Ravensburg 1987, S. 46
[2] Friedrich von Walter: Kurze Geschichte von dem
Prämonstratenserstifte Obermarchtal, in: Aus der Geschichte des
Klosters Obermarchtal, hrsg. vom Geschichtsverein Raum Munderkingen, Bad
Buchau 1985, S. 407
[3] Übersetzt von Hans Urs von Balthasar, in:Hans Urs von Balthasar:
Kosmische Liturgie. Das Weltbild Maximus' des Bekenners, Einsiedeln
1988, S.374
[4] Ulrich Höflacher: Johann Nepomuk Holzhey, a.a.O. S. 155



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